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Soll Michelle die Krise aushalten oder den Neustart wagen?

Warum kann einem langweilig sein, wenn doch scheinbar alles super läuft? Pasqualina Perrig, emeritierte Psychologieprofessorin, ist überzeugt, dass es keine generelle Unzufriedenheit gibt und es sich lohnt, genauer hinzuschauen und sich neu zu definieren. Dass man in der Mitte des Lebens Bilanz
ziehe, sei normal.

| Anina Bundi | Gesellschaft
Pasqualina Perrig-Chiello. Foto: zvg

Frau Perrig, meine Freundin Michelle ist 45, hat tolle Kinder, einen netten Mann und den Beruf, den sie immer wollte. Trotzdem ist sie unzufrieden. Sie beklagt sich über Langeweile im Job und in der Ehe. Sie hat das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Aushalten oder neu starten?
Pasqualina Perrig: Dieses Entweder-oder ist ja selten der richtige Ansatz. Unzufriedenheit aussitzen ist aber nie gut. Man schleift sie nur weiter, wenn man sie nicht angeht. Sie taucht oft auf in diesem Alter. Man ist nicht mehr jung, aber noch nicht alt, und muss sich neu definieren. Nach etlichen Kompromissen in der Lebensplanung und eingeschlichenen Routinen fragen sich viele: Muss das jetzt noch 20, 30 Jahre so bleiben? Diese Unzufriedenheit sollte man ernst nehmen. Sie ist das Ergebnis von inneren Wünschen. Das ist wichtig, auch im Hinblick auf die spätere Zufriedenheit.

Wie soll Michelle vorgehen bei dieser Neudefinition von sich selbst?
Sie muss hinschauen, innehalten. Gut wäre eine Auszeit, etwa ein Wellnesswochenende oder ein paar Tage Rückzug an einem stillen Ort. Hilfreich ist eine Laufbahnberatung, wo sie eine Auslegeordnung macht, was das Berufliche angeht. Oft ist es so, dass im Beruf die Herausforderung fehlt. Auch in der Partnerschaft ist das Problem oft die Routine. Auch da kann man sich Hilfe holen. Wichtig ist: Eine generelle Unzufriedenheit gibt es nicht. Bei genauem Hinschauen findet man ziemlich sicher konkretere Dinge, die unzufrieden machen.

Was ist nach Ihrer Erfahrung der grössere Knackpunkt: die Partnerschaft oder die Arbeit?
Ende 40 ist die Zeit mit den meisten Scheidungen. Oft kommt ob all den Rollen und Pflichten, die man hat, die Partnerschaft zu kurz. Es ist aber auch das Alter mit den meisten Burnouts. Ich würde sagen, es sind beides zentrale Punkte.

Wie könnte ein Neustart aus­sehen?
Vielleicht muss Michelle von gewissen Dingen Abschied nehmen. Sei es vom Job, sei es von der Beziehung. Aber man sollte nicht alles über den Haufen werfen. Das A und O ist Selbsterkenntnis. Man muss ganz ehrlich sein zu sich selbst. Heute gibt es ja viele Hilfsangebote – von der erwähnten Laufbahnberatung bis zur Psychotherapie. Das ist anders als vor 30, 40 Jahren, auch wenn die Probleme der Lebensmitte damals auch schon bestanden.

Gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern?
In den Problemen nicht. Der sich verändernde Körper, das Aussehen, die nicht mehr frische Partnerschaft, der Job, in dem Junge nachrücken und einen vielleicht in Frage stellen, das kann alle betreffen. Aber: Frauen haben mehr eine Kultur des Redens. Wenn etwas Schlimmes passiert, reden Frauen mit ihrer Mutter, Schwester, Freundin. Männer haben weniger Ansprechpersonen. Mit ihren Freunden unterhalten sie sich über Sport und Politik. Tiefere Probleme spricht man eher nicht an, weil sie als Zeichen von Schwäche gelten. Es gibt da langsam eine Veränderung, aber Männer sind immer noch viel verschlossener.

Was sind die Folgen dieses Unterschieds?
Frauen suchen früher Hilfe und bringen Korrekturen allmählich an. Bei Männern beobachtet man eher die grossen Brüche. Viele harren aus, reden nicht, halten alles unter Verschluss, bis es plötzlich zur Eruption kommt. Um auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen: Neustart ja, aber besser dosiert.

Was ist mit dem Gefühl von Michelle, sie habe etwas verpasst?
Sie ist in einem Alter, in dem man Bilanz zieht und sich fragt: Was wollte ich ursprünglich einmal? Was blieb liegen? Das Schöne ist, dass man heute viel älter wird als früher. Also bleibt ihr auch tatsächlich Zeit, etwas Neues anzufangen. Die akzeptierten Lebensentwürfe sind auch vielfältiger. Die Unzufriedenheit ihrer Freundin ist ein gutes Signal, damit sie sich Fragen stellt und allenfalls etwas verändert.

Welche Faktoren beeinflussen, ob dieser Neustart gelingt?
Soziale Unterstützung ist wichtig und natürlich auch die Partnerschaft: Wird sie ihr Partner dabei unterstützen, Veränderungen vorzunehmen? Entscheidend ist aber ihr Charakter, ihre Persönlichkeit. Wer ängstlich und emotional unsicher ist, wird eher Mühe haben. Die besten Karten in der Hand haben jene, die offen für Neues und emotional stabil sind.

Pasqualina Perrig-Chiello ist emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie der Universität Bern. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die Entwicklung im mittleren und höheren Lebensalter sowie die Generationenbeziehungen. Nach ihrem erfolgreichen Buch «Wenn die Liebe nicht mehr jung ist – Warum viele langjährige Partnerschaften zerbrechen und andere nicht» erscheint Im Februar 2024 «Own your Age! Stark und selbstbestimmt in der zweiten Lebenshälfte». 


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