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Uni Bern: Hochwasserschäden mit neuem Tool abschätzen

Wie beeinflusst der Klimawandel die Hochwassergefahr in der Schweiz, und warum sind neue Schutzmassnahmen notwendig? Andreas Zischg vom Mobiliar Lab für Naturrisiken der Universität Bern klärt auf. 

| Universität Bern | Gesellschaft
Andreas Zischg. Foto: zvg
Andreas Zischg. Foto: zvg

Herr Zischg, was versuchen Sie herauszufinden? 

Andreas Zischg: Es gibt sehr viele Studien über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Hydrologie. Beispielsweise über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Spitzenabflüsse während Hochwasserereignissen. Fachleute gehen davon aus, dass diese in einem wärmeren Klima um zehn bis zwanzig Prozent zunehmen werden.

Was aber aus unserer Sicht noch fehlt, ist erstens die Frage nach den Auswirkungen auf die Gesellschaft: wie viele Gebäude mehr betroffen sind, wie viele Personen mehr betroffen sind, um wie viel die Schäden steigen. Und zweitens, wie die unterschiedlichen Flüsse in der Schweiz oder im Alpenraum auf diese Mehrabflüsse reagieren werden. Das heisst, wir versuchen herauszufinden, welche Folgen der Klimawandel auf die Schweizer Gewässer hat, und zwar aus der Sicht der Schäden und Auswirkungen von Hochwasserereignissen.

Wieso ist das wichtig?

Wir als Gesellschaft profitieren heute noch vom Hochwasserschutz, der vor fünfzig, sechzig Jahren umgesetzt worden ist. Diese damaligen Hochwasserschutzbauten wurden unter einer bestimmten Rahmenbedingung, unter dem damaligen Klima, geplant und gebaut. Heute haben wir dazugelernt und bauen den Hochwasserschutz für die nächsten fünfzig, sechzig Jahre. Das Problem jetzt ist, wenn das Klima sich ändert, dann führt das auch zu Änderungen der Hochwassersituation. Das heisst für uns: Wenn wir Hochwasserschutz planen, müssen wir, so gut es geht, die Rahmenbedingungen für diesen Hochwasserschutz auch am Ende des Jahrhunderts mitberücksichtigen. Wenn wir das nicht machen, dann werden wir sehr bald merken, dass unsere heutigen Hochwasserschutzmassnahmen den zukünftigen Anforderungen nicht mehr genügen werden.

Was für ein Nutzen für die Gesellschaft könnte daraus resultieren?

Der Nutzen für die Gesellschaft ist hier zweierlei. Erstens haben wir ein Screening aller Schwachstellen im Hochwasserschutzsystem der Schweiz gemacht. Wir wissen also, ab welchem Hochwasserabfluss die ersten Schäden entstehen können. Das ist eine sehr gute Hilfe für die Prioritätensetzung im Hochwasserschutz. Und zweitens gibt es jetzt auch eine Übersicht über die sehr sensitiven Flussabschnitte, also die Flussabschnitte, die sehr sensibel auf den Klimawandel reagieren. Dementsprechend kann man auch diese Information mit in den Hochwasserschutz einbauen.

Was fasziniert Sie persönlich an diesem Forschungsprojekt?

Jeder Flussabschnitt ist anders geprägt, auch vom Menschen, abhängig von der historischen Entwicklung. Flussabschnitte, die sehr eng verbaut sind, sehr wenig Platz haben, haben einen anderen historischen Entwicklungshintergrund; beispielsweise industriell geprägte Städte, die die Wasserkraft nutzen mussten und entsprechend sehr nah am Fluss gebaut wurden. Hier passiert rasch viel, wenn der Hochwasserabfluss steigt. Dann gibt es wiederum Flussabschnitte, wie beispielsweise die Aare zwischen Thun und Bern, wo die Siedlungen sehr weit am Rand gebaut wurden, weil die Menschen historisch bedingt gelernt hatten, mit den Überschwemmungen der Aare umzugehen. Und so gibt unser Projekt einen schönen Einblick in diese Mensch-Umwelt-Beziehung, das heisst, es ist nicht nur ein rein technischer, naturwissenschaftlicher Ansatz, sondern auch eine Möglichkeit, diese Beziehung des Menschen zum Fluss in einer Formel darstellen zu können.

Welches ist die grösste Herausforderung, die es zu überwinden gilt? 

Die grösste Herausforderung bei diesem Projekt ist die Datenverarbeitung und die Modellierung. Wir haben über 17000 Querprofile der Flussquerschnitte zusammengesucht und ausgewertet und zu einem Flussmodell zusammengebaut. Dann haben wir auch höchstaufgelöste digitale Geländemodelle verwendet, um die Überflutungssimulationen zu machen. Und schlussendlich mussten wir auch noch die Modelle, die die Auswirkungen auf den Menschen, auf Gebäude, auf Arbeitsplätze, auf Gebäudeschäden berechnen können, entwickeln und mit den anderen Modellen kombinieren.

Wie ist das Forschungsprojekt finanziert? 

Das Projekt und das interaktive ­Web-Tool «Risikosensitivität» ist ein Teilprojekt der Forschungsinitiative Hochwasserrisiko des Mobiliar Labs für Naturrisiken. Das Mobiliar Lab für Naturrisiken ist eine gemeinsame Forschungsinitiative des Oeschger Zen­trums für Klimaforschung der Universität Bern und der Mobiliar.

Andreas Zischg

 

Andreas Zischg ist Professor für ­Modellierung von Mensch-Umwelt-Systemen am geographischen Institut der Universität Bern und Co-Leiter des Mobiliar Lab für Naturrisiken. 


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