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Künstliche Intelligenz trifft auf 6000 Laufmeter Archivmaterial

Das PTT-Archiv dokumentiert die Geschichte der schweizerischen Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe (PTT) von 1848 bis 1997. Dabei werden jene Archivalien für die Nutzung ­zugänglich ­gemacht, die von allgemeinem Interesse sind – unter anderem mittels künstlicher Intelligenz.

| Bettina Gugger | Kultur
Ptt
Das PTT-Archiv zählt 6000 Laufmeter Archivmaterial. Foto: zvg

Ist von künstlicher Intelligenz (KI) die Rede, denken wir an ChatGPT, an künstlich erzeugte Bilder oder lernfähige Navigationssysteme – an eine Zukunft, in der Mensch und Maschine zunehmend miteinander verschmelzen, und weniger an unsere Vergangenheit, die mittels KI gar neu gedeutet werden könnte.
An der Sägestrasse in Köniz wird KI dazu genutzt, um Licht ins Dunkel der Geschichte zu bringen, oder bescheidener ausgedrückt, um der Bilderflut vergangener Tage zu begegnen und Archivmaterial zu ordnen. Hier befindet sich das PTT-Archiv unter der Leitung von Heike Bazak. Es untersteht dem Museum für Kommunikation, das von der Schweizerischen Stiftung für die Geschichte der Post und Telekommunikation getragen wird, und unterliegt dem Bundesgesetz über die Archivierung, demzufolge Sachakten einer 30-jährigen und Personalakten einer 50-jähren Schutzfrist unterstehen.
Ein olivgrüner Warenaufzug führt in die Tiefen des Archivs, wo 6000 Laufmeter Archivalien die Geschichte der schweizerischen Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe (PTT) von 1848 bis 1997 dokumentieren. Der Raum ist heruntergekühlt, damit das Raumklima den Akten nichts anhaben kann.
Ahnenforscher können hier in den alten Telefonbüchern nach Verwandten suchen. Bis 1997 war ein Eintrag für alle Festnetzanschlüsse obligatorisch. «Die Telefonbücher werden oft nachgefragt, da sie auch Auskunft über den Beruf oder den Mädchen­namen verheirateter Frauen geben», so Heike Bazak.
Das Archiv dokumentiert, wie das sogenannte «fruchtbare Gipfeli» seit der Gründung des Bundesstaates die Wirtschaftszentren miteinander verbindet. Dabei sind das Streckennetz der Postkutsche (1850), das Telegrafennetz (1852), das Streckennetz der Bahn, das Telefonnetz, das bereits 1877 erprobt wurde, das Autobahnnetz und schliesslich das Mobilfunknetz identisch. Die Bereitstellung der Infrastruktur in den alpinen Gebieten wie dem Wallis, dem Tessin und Graubünden erfolgte entsprechend später, wobei die touristischen Orte ebenfalls priorisiert wurden.

 

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Grafische Postkurskarte von 1850. Foto zvg

Für Nutzung zugänglich machen

«Das PTT-Archiv macht jene Archivalien der Nutzung zugänglich, die von allgemeinem Interesse sind», erklärt Heike Bazak. Für sie hat die Arbeit im Archiv auch eine sinnliche Komponente; hier riecht es nach altem Papier, einer geordneten Geschäftigkeit, die sich beispielsweise in der heute nur noch schwer lesbaren Sütterlinschrift spiegelt: «Das ist Geschichte zum Anfassen. Im Archiv ist Leben abgelegt.» Diese Leben finden sich beispielsweise in den Poststellenchroniken; sie dokumentieren die Vergangenheit der ehemals 4000 Poststellen der Schweiz. Heimatforscher erfahren dank der Chroniken etwas über Ortsbilder vergangener Tage. «Die Aufzeichnungen erzählen von Pöstlerdynastien oder Geschichten wie jene von der Posthalterin aus Vevey, die Anfang des 20. Jahrhunderts die Poststelle alleine führte.» Eine Beschwerde der männlichen Angestellten an den Bundesrat habe dazu geführt, dass Frauen bis 1971 in den Bundes­behörden keine leitenden Funktionen mehr ausüben durften, weiss Bazak zu berichten. «Ein Pöstler musste jedoch verheiratet sein, da die Mitarbeit der Ehefrau vorausgesetzt wurde.»
Zum Bestand der Postchroniken zählt eine Flut von Fotos, die noch nicht erschlossen sind. Hier kommt die KI zum Einsatz. Zusammen mit der Universität Basel bzw. der dortigen Databases and Information Systems (DBIS) Group und der Firma 4eyes GmbH initiierte das PTT-Archiv, unterstützt von Innosuisse, eine KI-Software, die eine semantische Bildsuche ermöglicht.
Wer künftig nach «Kind mit Hund» sucht, hat gute Chancen, mittels der neu entwickelten Software fündig zu werden. Noch ist damit viel Arbeit verbunden: Die Bilder müssen einzeln eingescannt und die Software weiter trainiert werden. So kann die Software beispielsweise noch nicht alle Vierbeiner voneinander unterscheiden. Die Suche nach «Kind mit Hund» liefert im Moment auch Pferdebilder. «KI ist nur so gut wie die Daten, mit der sie gefüttert wurde», gibt Bazak zu bedenken. Beim Beispiel mit dem Hund bestehe die Schwierigkeit darin, dass die Software nicht nur einen Bernhardiner als Hund erkenne, sondern auch andere Hunderassen. Und zu beachten sei auch, dass eine Einstellung nicht unbedingt die Wahrheit sage. «Ein Foto muss immer kontextualisiert werden und sein Ursprung gemäss dem Provenienzprinzip geklärt sein.» Auch historische Fotos können lügen.

Zensierte Postkarten

In einem weiteren Projekt wird sich das PTT-Archiv der Digitalisierung zensierter Postkarten aus dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) widmen. Postkarten mit verunglimpften Motiven von Kriegsnationen und Inhalten zog die PTT damals aus dem (Post-)Verkehr und ordnete deren Vernichtung an. «Ein Pöstler hat eine solche Sammlung bei sich zu Hause aufbewahrt und sie dem Archiv übergeben», so Bazak. Diese Sammlung zeige, dass der Diskurs um Zensur und Fake News in den sozialen Medien keine neue Erscheinung sei, so Bazak.
Aber auch die datenbankübergreifende Onlinesuche auf dem Portal des PTT-Archivs und des Museums für Kommunikation ist optimiert, sodass gleichzeitig die Bestände des Archivs, des Museums und der Bibliothek durchforstet werden können. Die Ergebnisse werden mit der Bildsuche verlinkt und Bilder mit weiterführenden Legenden ergänzt. Wer beispielsweise nach «Telefonistinnen» sucht, stösst etwa auf ein Schwarz-Weiss-Foto von Telefonistinnen in den 1940er-Jahren, auf eine Studie zur Sprache der Telefonistinnen, ob sie Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch gesprochen haben oder eine Petition zum 7-Stunden-Tag aus dem Jahr 1919.
Diese neuste Dienstleistung macht deutlich, dass ein Archiv nur so gut ist, wie die Arbeit der Archivarinnen und Archivare, welche die riesigen Datenmengen Interessierten für die Nutzung zugänglich machen. Dabei kann KI ein nützliches Hilfsmittel sein.

mfk.rechercheonline.ch

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 Heike Bazak leitet seit 2009 das PTT-Archiv. Foto: Museum für Kommunikation




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