
Château Suduiraut 2010 AC Sauternes
Bordeaux, Frankreich
Preis: ca. 52 Franken (Jahrgang 2024, der dann aber mindestens zehn Jahre gelagert werden sollte), 75 cl
Süsse Erhabenheit mit frischer Finesse
Während der Festtage gibt es immer wieder Momente, die man im Kreis von Geniessern zelebrieren kann. Nicht selten öffne ich dann zu einem Apfel-betonten Dessert eine Flasche gut gereiften Sauternes. Hey, wie belebt das die Gespräche und erfreut die Runde. Letzthin war es ein 2010er-Suduiraut. Grandios! Auch von Weinpapst Parker mit 98 Punkten gelobt: Er entwickle ein Gefühl von Vollkommenheit und Harmonie.
Château Suduiraut gehört zu den legendären Süsswein-Gütern und wurde bereits 1855 als Premier Cru Classé eingeordnet – ein Ritterschlag, der bis heute für Qualität und Tradition steht. Das Weingut bewirtschaftet rund 90 Hektar mit überwiegend Sémillon und einem kleineren Anteil Sauvignon Blanc – typische Rebsorten für grosse Sauternes-Weine.
Was Sauternes besonders macht, ist nicht nur das Terroir, sondern vor allem die Art der Ernte. Der eigentliche Star ist der geheimnisvolle Edelpilz Botrytis cinerea: Unter dem richtigen Wechsel aus Morgennebel und Sonnentagen schrumpfen die vom Pilz befallenen Beeren, Wasser verdunstet durch die ganz fein aufgerissenen Häute, Zucker und Aromen konzentrieren sich. Weil dieser Prozess nie gleichzeitig auf allen Trauben stattfindet, muss mehrfach per Hand gelesen werden – bis zu fünf Durchgänge durch den Weinberg sind keine Seltenheit. Die Erträge sind klein.
Der Jahrgang 2010 ist ein schönes Beispiel für die Balance zwischen reifer Frucht und lebendiger Frische. In der Farbe zeigt er ein kräftiges Gold mit Bernsteinreflexen. Die Nase öffnet sich mit einer reichen Aromenpalette, die kandierte und holzige Noten mit solchen von Akazienhonig und gerösteten Aprikosen verbindet. Am Gaumen präsentiert sich der Wein reich und samtig, mit dichten Aromen von Honig, reifen Mirabellen und Aprikosen, feiner Vanille und dezenten Gewürznoten. Die Süsse wird von einer klaren Säurestruktur getragen, die dem Wein Länge und Frische verleiht. Ein grossartiges Sinneserlebnis.
Und dann wollen mir die amtlichen «Gelehrten» die Freude verderben, indem sie Wein allein auf Alkohol reduzieren, wie es WHO und BAG tun. Als Teil jahrhundertealter Esskultur ist Wein eben selbst ein Kulturgut und ein beliebter Genussbegleiter in unserer Gesellschaft. In der Schweiz will die Wein-ist-Kultur-Kampagne das Bewusstsein dafür stärken und sich gegen pauschale Anti-Alkohol-Rhetorik positionieren, die Wein einseitig als schädlich darstellt.
Massvoll genossen ist Wein lebens-bejahend eingebettet in soziale Erlebnisse sowie kulinarische Traditionen und steht für bewussten Genuss, nicht für exzessiven Konsum.
Mit genau diesem Verständnis haben wir den 2010er-Suduiraut genossen. Niemand hatte ein schlechtes Gewissen wegen des Alkohols im Wein. Viel Freude wünsche ich Ihnen beim Genuss schöner Weine im Jahr 2026!
Hans Gurtner
Dipl. Weinsommelier GastroSuisse
Weinberatungen und Lerndegustationen für Firmen und Gastronomie. Für Private bringt er Ordnung in den Weinkeller oder räumt diesen.
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