Heftig, unaussprechlich, abscheulich. Irgendwie scheint keines der Wörter gross genug zu sein, um so richtig auszudrücken, was Gisèle Pelicot und ihrer Familie angetan wurde.
Nichtsdestotrotz zeigt sich ihr Buch hoffnungsvoll, sowohl im Cover als auch im Titel: «Eine Hymne an das Leben» ist diesen Februar 2026 im Piper Verlag erschienen und natürlich wollte ich mich nach der Lektüre des Buches von Gisèles Tochter, Caroline Darian («Und ich werde dich nie wieder Papa nennen») auch in diese ganz andere Perspektive einlesen. Das Buch verfolgt verschiedene Zeitstränge, springt immer wieder zurück in weit entfernte Tage, z. B. in eine Zeit, in der Gisèles Mutter erkrankte. Als Leser:in wächst man mit Gisèle auf, lernt Schlüsselmomente ihres Lebens und ihres Charakters kennen. Gleichzeitig verfolgen wir den laufenden Prozess gegen Gisèles Ex-Ehemann und 51 weitere Männer und kommen dem grossen Hauptverfahren des Jahres 2024 schrittweise näher. Durch die intime Erzählweise lernt man Gisèles Familie kennen, ihre Verbindungen, ihre Dynamik. Man ist quasi mittendrin. Ich habe mir während der Lektüre immer wieder überlegt, wem ich mir in dieser Situation wohl am verbundensten fühlen würde.
Das Buch erzählt eine wahre Geschichte mit wahren Menschen und darin steckt ein ganz persönlicher Teil der Frau, die diese Geschichte erzählt. Und trotz den unaussprechbaren Abscheulichkeiten soll sie erzählt werden! Sie soll eben nicht schweigen, sondern uns Mut machen. Das Entscheidende ist nämlich die Botschaft. Dass wir laut werden, zusammenhalten, kämpfen und nicht lockerlassen:
«Ich hatte den Strand erreicht. Die Meeresluft war erfrischend, sie drang tief in meine Lunge, ich war den Elementen ausgesetzt und fühlte mich ganz klein, aber unerhört lebendig. Mit jeder Faser meines Körpers spürte ich, wie sehr ich den Rest der Welt brauchte. Ich wollte nicht mehr allein sein.
So viele Menschen, darunter wildfremde, hatten mir Gutes getan, hatten mich aufgenommen, als ich mittellos war. Ich fürchtete mich nicht mehr vor den Blicken anderer, fürchtete mich nicht mehr davor, dass die Leute Bescheid wussten. Die Scham musste die Seite wechseln.» (Auszug aus dem Buch)

Buchtipp von Fiona Hofer, Haupt Buchhandlung
Gisèle Pelicot, «Eine Hymne an das Leben»
Piper
9783492074353
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