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Über Abschiede

Kolumnistin Saskia Winkelmann bildet sich ein, gut mit Abschieden umgehen zu können, bis sie in Berlin eines Besseren belehrt wird.

| Saskia Winkelmann | Kultur
Saskia
Saskia Winkelmann Foto: Elia Meier


In einer Folge der Zeichentrickserie «Die Simpsons» liest Homer Simpson in einem Ratgeber, man solle jeden Tag leben, als ob es der letzte wäre. Also setzt er sich auf den Trottoirrand und weint. Ich liebe diese Szene. Sie nimmt Binsenweisheiten aufs Korn und auf einer weiteren Ebene hinterfragt sie toxische Positivität, die auch im Angesicht der Endlichkeit nur gute Gefühle erlaubt. Trotzdem finde ich es ein hilfreiches Gedankenspiel, sich vorzustellen, man habe nur noch begrenzt Zeit. Und daraus abgeleitet die etwas weniger dramatischen Fragen: Was ist wichtig? Und wie nehme ich Abschied? Das kann sich auf ganz alltägliche letzte Male beziehen. Was macht man am letzten Tag eines Urlaubs? Vor einem Umzug? Bevor jemand wegfährt?
Den Sommer habe ich ja in einer Grossstadt verbracht (siehe letzte Kolumne), um an einem neuen langen Text zu schreiben. Und irgendwann waren diese sechs Wochen zu Ende. Was mache ich an meinem letzten Tag?, habe ich mich gefragt. Und wollte es nicht wie Homer Simpson machen. Es waren Arbeitswochen gewesen. Aber nicht nur. Es war auch eine Zeit, in der ich oft, bevor es dunkel wurde, ins Bett ging und mit den ersten Vögeln aufstand, in der ich mich in Schwimmbäder und Bibliotheken verliebte, die vierte Staffel der ersten lesbischen Datingshow im deutschsprachigen Raum schaute, das erste Mal Kimchi einmachte, fast jeden Tag Eis ass und mir ein neues Parfüm kaufte und der erste Sommer mit meiner Freundin. Als der Tag des Abschieds kam, habe ich nichts anders gemacht, ich habe so getan, als wäre es gar nicht der letzte.
Ich habe mir eingebildet, gut mit Abschieden zu sein, weil ich ganz selten traurig bin, wenn etwas Schönes zu Ende geht. Ich fühle meistens gar nichts. Bis ein Freund vorsichtig anmerkte, dass er glaube, angesichts eines Abschieds so zu tun, als wäre alles wie immer, sei genauso ein Problem mit Abschieden haben, wie gar nicht loslassen zu können. Daran musste ich heute Morgen denken, als ich eine Kastanie fand. Ich trug meine Übergangsjacke über einem Hemd, mir war weder heiss noch kalt, der Himmel war klar und der Wind angenehm kühl, nur ein bisschen schwer war mir ums Herz. Ich beschloss, den Bus zu verpassen und den Sommer gehend zu verabschieden. Der Schwere und der Schönheit gleichzeitig Platz zu geben.

Saskia Winkelmann ist freie Autorin. Sie hat 2023 ihren ersten Roman, «Höhenangst», veröffentlicht. Sie empfiehlt «Princess Charming» auf rtl+ und öfter Mal «Die Simpsons» zu schauen. Foto: Elia Meier


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